Carani: Arbeitsalltag

Nach drei Monaten in Rumänien habe ich einen guten Einblick in meine Arbeitsstelle gewonnen und möchte ein paar meiner Eindrücke & Gedanken zu meiner Arbeit mit euch teilen.

Die „Casa Sfânta Maria“ („Haus Heilige Maria“) wurde 1993 in Carani, einem Dorf in der Nähe Timişoaras, als Tagesstätte für Kinder mit Behinderungen eröffnet. Anfangs kamen vier Kinder in die Einrichtung. Jetzt sind es insgesamt 31 Personen, die über die Wochentage verteilt kommen. Die ersten Mädchen, die vor über 20 Jahren in die Tagesstätte kamen, sind heute erwachsene Frauen. Somit erstreckt sich das Alter der Gruppe von fünfjährigen Kindern über Jugendliche bis hin zu jungen Erwachsenen mit 33 Jahren.

Auch das Haus hat sich über die Jahre weiterentwickelt. Zu Beginn allein eine Tagesstätte, die der Betreuung und Sozialisation (vereinfacht ausgedrückt: Erlernen von sozialen Werten & Normen und Findung der eigenen Identität in einem sozialen Umfeld) dienen sollte, wird heute in Carani noch zusätzlich Bewegungstherapie, Logopädie (Sprachheilkunde) und im kleinen Rahmen Schulbildung angeboten.

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beim Bäume basteln

Als allgemeines Tagesprogramm basteln wir, spielen Brettspiele, bauen Lego, puzzeln oder verbringen gemeinsame Zeit in der Gruppe mit verschiedenen Aktivitäten. Zum Beispiel singen wir gemeinsam oder sprechen über ein bestimmtes, zur Allgemeinbildung gehörendes Thema.

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Herbstfrüchte erkunden in der Gruppe

Das vielfältige Angebot in Carani ist darauf zurückzuführen, dass die Behinderungen der Kinder und Erwachsenen sehr verschieden sind: Manche sind allein körperlich behindert, andere geistig und wieder andere sind sowohl geistig als auch körperlich eingeschränkt. Hinzu kommt, dass z. B. eine geistige Behinderung wie Autismus bei jedem Einzelnen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist.

Da zu uns ziemlich viele Kinder mit Autismus kommen, möchte ich etwas näher darauf eingehen. Autismus ist sehr vereinfacht definiert eine neurologische Entwicklungsstörung, die den sozialen Umgang mit Menschen, die Kommunikation und das eigene Verhalten beeinflusst. Im echten Leben kann das dann wie folgt aussehen:

Da ist z. B. das Mädchen, das mir auf Tabara zugeteilt war. Ziemlich lange habe ich mich gefragt, was sie eigentlich für eine Behinderung habe. Auffällig fand ich, dass sie etwas unhöflich sein konnte, nicht sehr viel Rücksicht auf andere nahm und manchmal quengelte. Letztendlich erklärte mir eine Kollegin, dass dieses Mädchen Autismus habe, deswegen oft Sätze wiederhole (was ich als ungeduldiges und quengliges Verhalten wahrgenommen hatte) und auf die Ordnung ihres Umfelds sehr genau achte.

Dann ist da der Junge, der viel singt und oft in seiner eigenen Welt zu sein scheint. Er spricht fast nie bzw. antwortet nur auf direkte Fragen mit ja oder nein. Trotzdem scheint er alles, was man sagt, zu verstehen. Das sehe ich daran, dass er auf eine Aufforderung hin immer das macht, was man ihm aufträgt.

Ein anderer Junge spricht gar nicht, äußert sich aber mit verschiedenen Lauten. Er wiederholt oft bestimmte Handbewegungen und andere Bewegungsabläufe.

Die meisten Verhaltensweisen, die ich euch hier beschrieben habe, kenne ich (wenn vielleicht auch in abgeschwächter Form) von mir selbst oder von anderen Menschen ohne Behinderung. Ich summe oder singe gerne mal vor mich hin und habe öfters Tagträume. Bei mir und bei vielen Menschen aus meinem Umfeld kann man kleine Marotten feststellen. Und schließlich denken wir alle oftmals egoistisch und vergessen andere.

Wo bitte ist die Grenze zwischen „gesund“ und „behindert“? Oder eher die Grenze zwischen „normal“ und „behindert“? Muss ich Grenzen ziehen? Und was bedeutet normal für mich? Inwieweit grenzt mich mein Verständnis von Normalität ein (und andere aus)? Welche Grenzen und Hindernisse stoppen mich? Wie behindert bin ich? Und wieweit behindere ich andere?

P.S.: In meinem letzten Eintrag habe ich angesprochen, dass es keineswegs schwerer ist, mit behinderten Menschen zu arbeiten. Man muss aber vielleicht Berührungsängste überwinden. Ich bin auf ein Video der „Aktion Mensch“ zum Thema Begnungen mit behinderten Menschen gestoßen, bei dem ich sehr schmunzeln musste. Erkennt ihr euch wieder? https://www.youtube.com/watch?v=gZFHK3OwzFM

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2 Gedanken zu “Carani: Arbeitsalltag

  1. Schwester Georgis schreibt:

    Hallo, ich bin Schwester Georgis. Ich habe die Tagesstätte in Carani gegründet und ich finde Ihren Artikel wunderschön. Ich freue mich, dass die Menschen mit Beeinträchtigungen Ihnen soviel geben. Bleiben Sie am Ball und lassen sich immer wieder neu beschenken, es lohnt sich.
    Herzliche Grüße
    Schwester Georgis.

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