Gedanken nach 8 Monaten

Mitte März ging es für uns Osteuropa-JVs nach Serbien zum Zwischenseminar; ein willkommener Anlass um das Erlebte der letzten acht Monate geordnet zu reflektieren.

Gruppenfoto Mali Idos.jpg

unsere Gruppe vom Zwischenseminar

Durch meinen Freiwilligendienst hat sich sehr viel verändert. Ich lebe seit 8 Monaten in einem anderen Land mit einer anderen Kultur, spreche (wenn auch längst nicht fehlerfrei) eine neue Sprache und habe eine Arbeitsstelle, auf der ich als Teil eines Teams arbeite. Mein ganzes Leben lang habe ich bei meiner Familie gelebt, jetzt wohne ich in einer WG mit zwei Mitfreiwilligen und meine Freunde, die mich teilweise meine gesamte Gymnasialzeit begleitet haben, sind nicht mehr da.

Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass ich immer wieder vor neue Situationen gestellt werde, in denen ich unsicher bin, wie ich reagieren soll und wie ich sie bewältigen kann. In Deutschland habe ich meist gewusst, was ich tun kann oder wen ich um Rat frage. Gerade zu Beginn des Jahres habe ich oft noch Leute aus Deutschland um Rat gefragt, aber die können manche Situationen nicht nachvollziehen. Mir wurde erst mit der Zeit bewusst, dass ich auch hier Ansprechpartner habe und meine Möglichkeiten hier nutzen kann und sollte.

Trotzdem tat es natürlich gut, sich auf dem Seminar mit anderen deutschen Freiwilligen auszutauschen. Es war beruhigend zu sehen, dass sie ähnliche Situationen erleben und ähnliche Probleme haben:

– mit dem Leben in einer anderen Kultur
– mit dem Kontakt bzw. dem nicht vorhandenen Kontakt zu Freunden
– mit aufdringlichen Männern (auch wenn das Voluntäre in Bosnien, wo viele Muslime leben, nicht so kannten)
– und Probleme mit sich selbst, während man sich selbst besser kennenlernt

Damit ihr versteht, was für komische Situationen sich so ergeben können, hier ein Anekdote:

Ich habe manchmal Probleme die Witze meiner rumänischen Kollegen als solche zu erkennen. Einmal hatten wir nachmittags kein Wasser mehr in der Küche. Also fragte ich, ob wir noch welches hätten. Eine Kollegin sagte: „Nein, haben wir nicht.“
Daraufhin meinte ich betreten, dass ich dann wohl die letzte Wasserflasche genommen habe. Meine Kollegin meinte in gespielter Empörung: „Na super Johanna, jetzt müssen wir wegen dir Leitungswasser trinken!“ [Anmerkung: das Leitungswasser hier kann man trinken, aber es schmeckt halt nach Chlor.] Auch meine anderen Kolleginnen witzelten noch ein wenig über das von mir aufgetrunkene Wasser.
Letztendlich hatte ich wegen des aufgetrunkenen Wassers ein schlechtes Gewissen und habe deswegen am nächsten Morgen zehn Liter Wasser gekauft. Als mich meine Kollegin mit den zwei Kanistern kommen sah, bekam sie erstmal einen Lachanfall. Sie erklärte mir: Es habe einfach keiner mehr Lust gehabt, kurz vor unserer Abfahrt noch in den Keller zu gehen, um Wasser zu holen.
Ich hatte zwar verstanden, dass sie mich aufzogen, weil ich die letzte Flasche genommen hatte, aber, dass sie auch darüber witzelten, dass ich dachte es sei überhaupt die letzte Flasche, war mir nicht aufgefallen. Das ist mein Problem mit den Witzen: Es werden faktisch wahre Aussagen mit einem Gesicht getroffen, das nicht andeutet, dass man die Aussage ironisch meint.

Mir ist in der Situation zum einen aufgefallen, dass ich vorsichtig sein muss, was ich ernst nehme. Zum anderen wurde mir bewusst, dass ich unterbewusst ein paar Vorurteile haben muss, wenn ich meiner Stelle nicht einmal zutraue genug Wasser zu kaufen oder genug Geld dafür zu haben…

Einerseits hatte ich manchmal das Gefühl im wahrsten Sinne des Wortes „neben mir zu stehen“, was mich dazu bringt eine Pause von dem Jahr nehmen zu wollen und zu Heimweh führt. Andererseits fühle ich inzwischen, dass ich angekommen bin. Ich habe zu manchen Menschen eine engere Beziehung, habe meinen Platz auf der Arbeit gefunden und meine Umgebung ist mir vertraut.

Jahreszeitenwand Carani bearbeitet

„Jahreszeitenwand“ (hier der Frühling) über dem Eingang zum Gemeinschaftsraum in Carani

Gerade in den kälteren Monaten, war es mir schwerer gefallen, die schönen Momente meines Jahres wahrzunehmen. Geholfen beim Heben meiner Stimmung haben nicht nur die steigenden Temperaturen, sondern ich habe mich auch bewusst auf das Schöne in meiner Umgebung konzentriert. Und davon gibt es eine Menge! Es fehlt manchmal einfach nur der Blick dafür.

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