Carani: Geschichten

Ich habe bereits von meiner Stelle als Tagesstätte berichtet. Dass mein Projekt allerdings noch wesentlich mehr als „lediglich“ die Betreuung und individuelle Förderung unserer Kinder leistet, wurde mir erst mit der Zeit klar.

Jeden Mittag kommt eine arme, alte Frau aus dem Dorf zu uns und bekommt einen Teller des Mittagessens der Kinder. Erhält das Tageszentrum Kleiderspenden, werden diese an arme Familien weitergegeben. Im Winter werden Familien mit Holzlieferungen unterstützt. Da einige Familien sich kein Auto leisten können, fahren Mitarbeiter des Zentrums sie mit einem unserer Kleinbusse in die Stadt. Sie helfen ihnen bei ihrem Gang zu den Ämtern oder bei Krankenhaus- und Arztbesuchen. Wenn es notwendig ist, übernimmt das Zentrum die Bezahlung von medizinisch Notwendigem wie z. B. Orthesen und Rollstühlen. Es werden Elterngespräche geführt und besprochen, wie man das Kind individuell besser fördern kann.

Auch über die Kinder habe ich mehr erfahren:

Mir fällt oft auf, dass es gerade bei Menschen mit Behinderung schwer zu erkennen ist, zu was sie in der Lage sind und wie viel sie selbstständig machen können.

Ein Junge hat zum Beispiel zu Hause, auch als er älter wurde, noch ein Fläschen bekommen. Die Begründung: Er könne nicht alleine essen. Während er unterschätzt wurde, wurde ein anderer Junge überschätzt. Trotz Abraten der Mitarbeiter des Zentrums wurde er von seinen Eltern in die Schule geschickt, um sein Abitur zu machen. Wenn man bedenkt, dass er manchmal Schwierigkeiten hat, mit den Fingern bis zehn zu rechnen, kann man sich vorstellen, was passierte. Er war überfordert, wurde gemobbt und brach schließlich ab.

Das Problem ist, dass das am Kind nicht unbedingt schadlos vorrübergeht. Der erste Junge hat heute durch die Flasche ein ziemlich krummes Gebiss und der andere stottert seit seiner schlimmen Schulerfahrung.

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Gerade bei den vielen jungen Erwachsenen mit Behinderung stellt sich oft die Frage, wie viel Selbstständigkeit man ihnen zuspricht und wie viel Eigenverantwortung man sie übernehmen lässt. Dass sie irgendwann selbstständig und eigenverantwortlich leben müssen, ist bei vielen unausweichlich. Wenn ihre Eltern nämlich gestorben sind, sind sie auf sich allein gestellt, sollten sie nicht Verwandte haben, die sich um sie kümmern. Es scheint, zumindest für die Kinder aus unserer Tagesstätte, keine Wohnheime zu geben, in denen sie teilweise selbstständig wohnen könnten. Vor dieser Realität verschließen sich aber leider einige Eltern und lassen ihr Kind nicht selbstständig werden.

Ein weiteres Problem, das mir aufgefallen ist, sind fehlende Eltern. Damit meine ich nicht, dass die Kinder gar keine Eltern haben, sondern dass ihre Eltern über lange Zeit weg sind, weil sie im Ausland arbeiten. Es ist keine leichte Entscheidung seine Familie zurückzulassen und sie nur für kurze Zeit jedes Jahr zu sehen. Ich lerne in meinem Auslandsjahr, was ja wohlgemerkt nur ein Jahr ist, den Wert von Familie und meinen Eltern auch ganz anders zu schätzen. Für einige rumänische Eltern überwiegt beim Abwägen zwischen Geld und Familie aber leider meist das Geld. Für die Kinder ist das oft sehr traurig, was ich an manch vergossener Träne sehen konnte.

Eine große Herausforderung für mich ist aber ein Zwillingspaar. Die beiden elfjährigen Schwestern haben eine genetische Krankheit, die dazu führt, dass sie sich körperlich und geistig immer weiter zurückentwickeln bis sie schließlich sterben. Beide konnten schon, als sie vor wenigen Monaten zu uns kamen, nicht sprechen und verkrampften sich manchmal, liefen aber teilweise noch alleine umher. Inzwischen gehen sie nur noch schwierig und bleiben plötzlich starr stehen.

Mich macht das manchmal innerlich wütend. Denn die Elfjährigen schauen mich oft mit lachendem Gesicht an, so als würden sie sagen: „Haha, schau mal, ich bleib schon wieder einfach stocksteif stehen!“ Aber so ist es natürlich nicht. Im Gegenteil: Sie verlieren immer mehr die Kontrolle über ihren Körper. Dass die zwei trotz allemdem sehr viel lachen bzw. ein fröhliches Gesicht machen, beeindruckt mich. Die Geduld und Kraft aufzubringen mit den zweien einen verlorenen Kampf weiterzuführen, fällt mir manchmal echt schwer. Was mir hilft, ist auf das Positive zu schauen: ein Lächeln zu sehen, die Gemeinschaft mit den anderern zu genießen. Das ist, meine ich, eine Aufgabe für jeden von uns.

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