Ein Jahr neigt sich dem Ende

Zum Ende meines Jahres hin möchte ich mit euch ein paar wichtige Erfahrungen aus meiner Zeit in Rumänien teilen.

Über das Jahr konnte ich die Entwicklung von manchen Essensgästen in der Suppenküche mitverfolgen. Zum Beispiel von der jungen, obdachlosen Frau, die öfter mit ihrem ca. sechs Jahre alten Sohn betteln geht, nun von jemand anderem aus der Suppenküche schwanger sein sollte und die ich trotzdem letztens an einer Lacktüte schnüffeln sah. Oder von dem Mann mit Alkoholproblemen, dem ich an seinem glasigen Blick und stolperndem Schritt anmerke, wenn er wieder mehr trinkt.

Auch die körperlichen Auswirkungen eines Lebens auf der Straße konnte ich viel bewusster wahrnehmen: Narben, die Unterarme bedecken (vielleicht vom Ritzen?), blaue Flecken im Gesicht (von Schlägereien?) oder O-Beine (vielleicht auf Grund von Unterernährung?). Immerhin kommen manche Essensgäste schon seit ihrer Kindheit in die Suppenküche, wie Fotos aus der Anfangszeit der Suppenküche, vor ca 20 Jahren, zeigen.

Ich erinnere mich an einen Anthropologiekurs aus der Schule: Wir untersuchten alte, menschliche Knochen und uns wurde erklärt, dass die rundgeformten Beinknochen häufig ein Zeichen von Unterernährung in der Kindheit waren. So wird das geschichtliche Problem der O-Beine für mich plötzlich ganz real und aktuell. Mir fällt auf, dass ich keine Ahnung davon habe, was ein Leben auf der Straße alles mit sich bringen kann.Trotz dieser Eindrücke, bewahre ich eine gewisse emotionale Distanz zu den Gästen. Wohl auch deswegen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass der Aufbau eines näheren Verhältnisses für mich nicht möglich und auch nicht immer wünschenswert ist. Aufgrund der ganz anderen Lebensrealität werde ich als die reiche Deutsche und somit als mögliche Geldgeberin oder von den fast ausschließlich männlichen Gästen als blondes Mädchen, der Mann vielleicht mal näher kommen möchte, gesehen.

Ein kurzes Gespräch, ein Lächeln oder eine Begrüßung gehören dazu, wenn man sich auf der Straße begegnet, aber mehr war für mich nicht möglich. Es gab Situationen, in denen ich mich mit klaren Worten oder (selten) körperlich zur Wehr setzen musste, weil eine angemessene Distanz nicht mehr gewahrt wurde.

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau hier häufig anders verstanden wird als in Deutschland. Mir wurde auch bewusst, wie naiv ich manchmal in Bezug auf das Tragen von knapper Kleidung war. Ich sage nicht, dass man keine kurze Kleidung tragen sollte, aber man muss auch nicht immer provozieren – letztendlich bin ich die „Geschädigte“, wenn etwas passiert.

Gerade in diesem Punkt ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, dass es ein gesellschaftliches Bewusstsein für manche Dinge existiert. Wenn deine Umgebung nämlich beispielsweise sensibler für einen angemessenen, respektvollen Umgang zwischen Mann und Frau ist, dann greifen auch andere viel schneller ein.

Anders als in der Suppenküche fällt es mir in Carani schwerer, mich nicht von rückläufigen Entwicklungen der Kinder runterziehen zu lassen. Besonders berühren mich die Zwillinge, die langsam bis auf ihr Skelett abmagern, und ein Junge, der unter anderem an Schizophrenie leidet und dessen Zustand sich immer weiter verschlechtert. Inzwischen wurde er in eine Psychatrie eingewiesen und wird aus ihr voraussichtlich nie wieder entlassen werden.

tanzen carani gruppeUmso wichtiger war es für mich zu lernen, meinen Elan und meine Fröhlichkeit in der Tagesstätte zu bewahren. Es ist wichtig, dass die Kinder im Zentrum auch mal ihre Sorgen und Probleme, die sie vielleicht zu Hause haben, vergessen können und zusammen mit den anderen eine schöne Zeit verbringen.

In meinen letzten Tagen versuche ich verstärkt meine Arbeit nicht mehr als Arbeit zu sehen. Denn ich bin nicht dort, weil ich einen Job machen muss, sondern, weil es mich glücklich macht, gemeinsam eine fröhliche Zeit zu verbringen.